Dürers Porträtkunst
Prof. Dr. Roland Opitz / Axel Bittrich
Vorbemerkung:
Zur besseren Darstellung der Gemälde von Albrecht Dürer auf Briefmarken
werden die Abbildungen in diesem Artikel in einer relativ hohen Auflösung gezeigt.
Warum malte Dürer so viele und so glänzende Porträts? Warum ist er, gerade er, uns, sobald wir an seine Ölbilder denken, vor allem als Porträtist in Erinnerung? Natürlich hat er sich auch an größeren
Kompositionen versucht. Für die Wittenberger Schlosskirche war das große Historienbild Die Marter der zehntausend Christen unter König Sapor von Persien
bestimmt (1508, heute Wien), das wie eine grausige Vorwegnahme der brutalen Massenhinrichtungen aufständischer Bauern nach der Niederlage des Deutschen Bauernkrieges von 1525 wirkt. In Prag kann man heutzutage das berühmte
Rosenkranzfest (1505) bewundern, eine vielfigurige Komposition.
Doch eben gerade dieses Rosenkranzfest
zeigt das Problem. Die Madonna verteilt Rosenkränze, Zeichen der Gnade und Würdigung, an die größten Männer der Dürerschen Zeit - übrigens ist Dürer selbst darunter (rechts hinten auf dem Bild). Das bedeutet: es wird eine ganze Serie von Porträts gemalt, in einen geschlossenen Zusammenhang gebracht, doch ließen sich diese Porträts aus dem Gesamtbild herauslösen (was ja die Freimarken Bund 350 und Berlin 202 beweisen).

Diese Vorliebe des Malers für Porträts hat zwei Gründe, die in eins zusammenlaufen: die süddeutschen Kaufleute, Dürers
hauptsächliche Auftraggeber, wollten sich selbst gestaltet sehen, die klügeren in ihrer geistigen Leistung, die gewöhnlichen in Kraft
und Pomp. Zum anderen hatte aber auch die Zeit der frühbürgerlichen Revolution mit den selbstbewussten aufbegehrenden Bürgern einen neuen Typ von Menschen hervorgebracht, die der Adelsherrschaft und dem unpersönlichen Ständewesen ihre
Persönlichkeit entgegen zu stellen wussten. „Es war“, schreibt Friedrich Engels, „eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft und Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit.“
Solche Gestalten weiß uns Dürer vorzustellen:
- mit Oswald Krell (1499), dem Faktor der "Ravensburger Wirtschaftsgesellschaft",
- mit Philipp Melanchthon (1526,
Dürer bedauert zu Unrecht in seiner Widmung an den streitbaren Wittenberger Protestanten,
er habe dessen „hohe Gesinnung“ nicht erfasst, - gerade die spricht ja aus dem Kupferstich),

Links: Owald Krell, 1499, München
Rechts: Philipp Melanchthon, 1526, Kupferstich
- mit dem Kaiser Maximilian (1518).
Im Münchener Bildnis eines Jungen Mannes (1500) sehen wir uns einem jungen Rebellen gegenüber. Im Budapester Bild mit dem
gleichen Titel (um 1512) wird das Individuelle und Unverwechselbare schon im etwas unsymmetrischen Gesicht deutlich.

Links: Kaiser Maximilian, 1518, portätiert “zu Augsburg hoch oben auf der Pfalz in seinem Stübele.”
Rechts: Bildnis eines jungen Mannes, um 1512, Budapest, Der Dargestellte gilt als der jüngere Bruder des Malers, Endre Dürer
Ein Höhepunkt ist zweifellos der Junge Mann des Dresdner Bildes (1521), das während einer Reise in die bürgerlichen Niederlande entstand und die hohen Renaissance- Ideale am besten wiedergibt.

Links: Bildis eines jungen Mannes, 1521, Dresden (Porträt des Bernhart van Resten)
Rechts: Elsbeth Tucher, 1499, Kassel
Doch auch die Vier Apostelfiguren (1526, München) sind solche Riesen an Denkkraft und Leidenschaft und Charakter; Goethe war gebannt von der „unglaublichen Großheit“ der Gestalten. Selbst in einigen der Frauenbildnisse erfaßt Dürer Ähnliches, vor allem im Porträt der Elsbeth Tucher (1499). Das war ganz ungewöhnlich: Frauen wurden im allgemeinen als Madonnen gemalt, sie hatten daher Zartheit, Reinheit, Mütterlichkeit auszudrücken, waren Gegenstand der Anbetung.


Die vier Apostel Johannes und Petrus, Paulus und Markus, 1526 München,
Die Marken zeigen Ausschnitte aus den abgebildeten ganzfigurigen Tafeln. Dürer schenkte die Bilder der Stadt Nürnberg
Noch in der Renaissance-Zeit sind sie (die Rosenkranzmadonna zeigt es) weniger als besondere, unwiederholbare Menschen
kenntlich. Hier dagegen wird eine wunderschöne Frau gemalt, die die Größe ihrer Epoche und der eigenen Aufgaben voll erfasst.
Es war doch keine leichte Zeit. Die Unsicherheit der Reisewege forderte von einem Kaufmann wie auch von einem Bildungsreisenden, dass er mit dem Degen und dem Pistol umgehen konnte. Die Aufhäufung von Reichtümern in jener Zeit der
„ursprünglichen Akkumulation“ von Kapitalien war ohne
Piraterie, Niederschlagen der Konkurrenz, ohne Siege über die Feudalen
nicht möglich. Daher jene Fülle und Kraft des Charakters, die sie zu ganzen Männern macht, das sind bürgerliche Kämpfer.
Dürer gibt uns vor allem in dem Bildnis eines Patriziers (1524,
Madrid) einen Eindruck davon: Kraft und Energie verbinden sich mit Verbissenheit. Der Kampf progressiver Menschen ist zu keiner Zeit leicht gewesen. Doch bei diesem Bürger schlägt
Selbstbewusstsein schnell in Herrschsucht und Besitzstreben um. Man möchte den Mann wohl nicht zum Freund haben. Das ist eben das Große an Dürer , dass er uns die Porträtierten nicht in ihrer zu
bewundernden Größe schlechthin darstellt, sondern als Menschen, die im Kampf stehen und Widersprüche auszufechten haben, selbst auch die Widersprüche in sich haben. Vielleicht ersieht man es aus dem Bildnis des Hieronymus Holzschuher
(1526, Berlin) am deutlichsten, was Thomas Mann beim Betrachten solcher Widersprüche in Dürers Bildern aufgeschrieben hat: „Philisterei und Pedanterie, grübelnde Mühsal, Selbstplage, rechnende
Ängstlichkeit - zusammen wieder und in eins fließend mit jener Unbedingtheit, Hochbedürftigkeit, welche die Tapferkeit zeitigt.“
Zitate aus Dürers Schriften, die sich für die Album-Gestaltung eignen
„Ein guter Maler ist innerlich voll Figur, und wenn es möglich wäre, daß er ewig lebte, so hätte er doch stets etwas Neues hervorzubringen." Die mittelalterlichen Maler sahen gerade in der
getreuen Wiederholung alter Vorbilder ihre Aufgabe.“
„Nun erkenne ich, daß in unserer deutschen Nation bei den jetzigen Zeiten viel Maler der Lemung notdfürftig wären... Ein jeglicher,
der unwissend arbeitet, der arbeitet schwerer, denn der da verständig arbeitet.“
„Außerhalb der Messung oder ahn einen Verstand einer guten Maß kann kein gut Bild gemacht werden, und ein gut Bild muß mit
großer Mühe und Arbeit gemacht werden. Denn es geht nit unbesunnen zu.“