Der Meister und sein Meisterschüler
Rubens und van Dyck

Anthonis van Dyck (1599 - 1641) war nach Rubens einer der bedeutendsten Maler des Siebzehnten Jahrhunderts. Er erhielt bereits mit 10 Jahren eine erste künstlerische Ausbildung in seiner Heimatstadt Antwerpen.
Von etwa 1617 bis 1621 war er bei Rubens tätig. Dieser beeinflusste ihn zunächst sehr stark, jedoch unter dem Eindruck der venezianischen Malerei entwickelte van Dyck bald einen eigenen Stil. Nach einem längeren Aufenthalt in Genua, welcher ihm bedeutende Aufträge und höchste Anerkennung einbrachte, lebte er ab 1632 als Hofmaler Karls I von England in London. Dem Wunsch von König und Hochadel nach angemessener Repräsentation, wusste van Dyck durch elegante Ganzfigurenporträits zu entsprechen. Mit diesem Bildnistyp übte er entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der englischen Porträtmalerei aus.

Van Dyck erscheint, neben der in sich gefestigten, harmonischen Persönlichkeit Rubens, als eine unruhige, gespaltene Persönlichkeit, die sich im Ehrgeiz nach höchstem künstlerischem Ruhm verzehrte. Seine Leistung jedoch allein an Rubens zu messen wäre falsch, denn er hat mit seinem Wirken einen gewichtigen Beitrag zur flämischen Kunst des Barocks geleistet. Von Rubens, der ihn seinen besten Schüler nannte, wurde er in den wenigen Jahren seiner Tätigkeit in dessen Werkstatt zu den verschiedensten, vor allem bedeutsamen Aufgaben herangezogen. Er verstand es dabei besonders, sich dem Stil seines Lehrers anzupassen. So ist es nicht verwunderlich, dass viele seiner Arbeiten, auch die von ihm selbst konzipierten, lange Zeit dem Werk von Rubens zugerechnet worden sind. Andererseits kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch van Dyck einen gewissen Einfluss auf Rubens aus-geübt hat.
Ein Vergleich sei hier dargestellt. Das Gemälde "Der heilige Ambrosius und Kaiser Theodosius" wurde 1618/20 von Rubens und später noch einmal von van Dyck gemalt. Rubens' Werk befindet sich im Kunsthistorischen Museum in Wien, das Gemälde von van Dyck ist in der National Gallery London untergebracht. Während Rubens sehr viel Rot verwendete, so das sein Gemälde warm und golden wirkt, liegt über der Arbeit von van Dyck Arbeit ein kühles Hellblau als Grundton. Leider kann dieser Vergleich nicht durch Abbildungen dargestellt werden.
Unter wesentlicher Beteiligung von van Dyck entstand 1617 nach Skizzen Rubens' die aus acht Bildern bestehende Folge der "Geschichte des römischen Konsuls Publius Decius Mus". Diese Bilderfolge diente als Vorlage für Wandteppiche und wurde deshalb im Gegensinn(seitenverkehrt) gemalt. Laut urkundlichen Belegen malte sogar van Dyck die Bilder nach den Skizzen von Rubens. Es sei hier erwähnt, dass es über die Jahre, bis van Dyck Hofmaler bei Karl I wurde, in der verschiedensten Literatur oft widersprüchliche Aussagen über sein Werk gibt.
Anthonis van Dyck wurde am 11. Februar 1618 Freimeister der Antwerpener Lukasgilde. Rubens unterstützte ihn nach Kräften und lobte öffentlich das Talent seines jungen Schülers und Mitarbeiters. Um 1620 hatte van Dyck als Künstler in Antwerpen einen gefestigten Ruf.

Abschließend sei aus einem Buch zitiert. Der Artikel legt sehr gut das Verbindende und Gegensätzliche der beiden Maler dar:

    "Rubens und van Dyck, das leuchtende Doppelgestirn am flämischen Kunsthimmel, die Landsleute waren, aus ähnlichen Verhältnissen hervorgingen, in der gleichen Atmosphäre groß wurden und die gleichen fürstlichen Gönner hatten, sind doch in ihrem Charakter und ihrer Lebensführung ebenso wie in ihrer Kunst wesentlich verschieden. Rubens' großer, vielseitiger und harmonischer Gestalt, einer Erscheinung von fast antiker Größe nach Anlage und Erziehung, steht van Dyck als einseitige, erregbare und empfindsame, als eigenwillige und zugleich abhängige Natur gegenüber, ein Romantiker fast im modernen Sinne,...
    'Der Schüler mit seiner schwachen Körpergestalt und seinem unruhigen Geiste (so kennzeichnet Max Rooses die beiden Künstler) schweifte immer weiter, aber erreichte niemals jenes Ziel, in welchem er Befriedigung und Übereinstimmung der Form mit seiner Idee gefunden hätte. Der Lehrer, an Seele und Körper gleich gesund, schaute in der Ruhe seiner Macht mit unbeirrter Zufriedenheit sein glänzend und vollkommen zum Ausdruck gebrachtes Ideal und herrschte wie ein überall gefeierter Fürst auf dem Gebiete der Künste.'
    Während Rubens nur langsam, aber stetig sich zum Meister bildet, während er die verschiedensten Eindrücke auf sich einwirken lässt und sie bewusst und bedächtig in sich verarbeitet und erst, als er bereits ein Menschenalter hinter sich hat, seinen eigenen Stil voll ausgebildet hat, tritt uns van Dyck, kaum zum Jüngling gereift, schon als fertiger Meister entgegen, entwickelt er eine Leichtigkeit und Kraft des Schaffens, wie kaum die routiniertesten Dekorationsmaler auf der Höhe ihrer Tätigkeit. Aber jeder starke Eindruck von außen wirkt übermächtig auf ihn ein und bringt ihn in eine neue Richtung, die er mit Begeisterung verfolgt, bis ein neuer Eindruck ihn wieder anders bestimmt...."
    (1)

Rubens und van Dyck, den Meister und seinen Schüler, verband eine enge Freundschaft. Liest man in Büchern, welche über den Barock schreiben, kann man feststellen, dass diese Freundschaft ein gegenseitiges Geben und Nehmen beinhaltete.

 (1) Wilhelm von Bode, Die Meister der holländischen und flämischen Malerschulen, neu bearbeitet und ergänzt von Eduard Plietzsch, Verlag E. A. Seemann, Leipzig, 6. Auflage 1951, Seite 438