Tradice české (a slovenské) známkové tvorby
Tschechische und slowakische Briefmarken
ein Spiegelbild der Kunst beider Länder
Gerhard Batz
Erschrecken Sie nicht, wenn Sie eine Überschrift in einer fremden Sprache lesen. Denn ich möchte Ihnen heute ein wenig über Briefmarken berichten, die zumindest in Deutschland nur wenig im Blickpunkt stehen,
obwohl sie unter künstlerischen Gesichtspunkten zu den besten und anspruchsvollsten der Welt gehören. Und diesen Anspruch drückt die Überschrift in tschechischer Sprache quasi programmatisch aus. Sie bedeutet: „Tradition tschechischen (und
slowakischen) Briefmarkenschaffens“ und ist der Titel einer Serie, unter dem die Post der Tschechischen Republik seit dem Jahr 1995 jeweils das Briefmarkenjahr mit einer historischen Briefmarke der alten Tschechoslowakei eröffnet. Diese
Serie unterstreicht vor allem die hohe Bedeutung, die in der früheren Tschechoslowakei, aber auch in den Nachfolgestaaten, der heutigen Tschechischen Republik und der Slowakei, der Briefmarkengestaltung zukam und noch zukommt.
Denn
schon vom ersten Tag und von der ersten Briefmarke an war hoher künstlerischer Anspruch das Maß der Dinge für die Auswahl und Gestaltung der Briefmarken dieses Landes. Es gibt wohl kein Land der Welt, das einen ähnlich bedeutenden Künstler
als Schöpfer seiner ersten Briefmarke hat wie die Tschechoslowak
ei,
nämlich Alfons Mucha (1860-1939), einen der bedeutendsten Künstler des Jugendstils. Bewusst beauftragte man unmittelbar nach der Unabhängigkeit des neuen Staates im Oktober 1918 den berühmtesten
Künstler des Landes mit der Gestaltung der ersten Briefmarke. Das Ergebnis sehen Sie links (MiNr. 18), das unter dem Titel „hradčany“ (Hradschin) mit einer Gesamtauflage von über 1 Milliarde Exemplaren
auch zum wohl bekanntesten Markenmotiv der Tschechoslowakei wurde. Briefmarkenkunst und Kunst auf Briefmarke waren in der Tschechoslowakei also vom ersten Tag an ein und dasselbe. Und
diese Tradition setzte man in den nächsten Jahren konsequent fort.
Ein Glücksfall war dabei, dass sich in der Folge ein weiterer bekannter Künstler des Landes der Briefmarkengestaltung annahm, Max
Švabinský (1873-1962), der nach Mucha als größter Künstler der Tschechoslowakei im 20. Jahr-hundert gilt. Von ihm stammt beispielsweise die vierte Briefmarke des Landes aus dem Jahr 1920, ein Porträt des
Staatsgründer Tomáš G. Masaryk (MiNr. 159). Švabinský war es auch, der durchsetzte, dass Druckmaschinen angeschafft wurden, mit denen es möglich wurde, den anspruchsvollen Stahlstichtiefdruck für die Briefmarkenproduktion zu verwenden.
Und so kam es, dass seit den 20er Jahren bis heute fast alle Briefmarken der Postverwaltungen auf dem Gebiet der früheren Tschechoslowakei von Stechern nach Entwürfen bekannter Künstler gestochen und im
Stahlstichtiefdruck (meist kombiniert mit Rastertiefdruck) gedruckt wurden.
Die Reihe der berühmten Künstler,
die in der Tschechoslowakei (und danach) Briefmarken gestalteten, ist lang. So sollen neben Mucha und Švabinský nur einige wenige weitere genannt werden, als erstes der größte noch lebende tschechische Maler, der deutschstämmige, heute 91
Jahre alte Josef Liesler (geb. 1912). Einer seiner Entwürfe mit einer Szene aus Shakespeare’s „Sommernachtstraum“, der im Jahr 1964 (MiNr. 1460) auf Briefmarke erschien, ist rechts abgebildet.
Des Weiteren seien angeführt Karel Svolinský (1896-1986), der als größter slowakische Künstler des 20. Jahrhunderts geltende Martin Benka
(1888-1971), der Graphiker Oldřich Kulhánek (geb. 1940), der die augenblicklichen tschechischen Banknoten schuf, oder der Maler und Graphiker Cyril Bouda
(1901-1984). Praktisch alle Entwerfer kommen aus der Vereinigung SČUG Hollar (Vereinigung der Graphik-künstler), die sich auch für die weiterhin hohe künstlerische Qualität der Briefmarken verant-wortlich
sieht. Regelmäßig ehren die Postverwaltungen beider Länder ihre großen Briefmarken-künstler mit Sonderausgaben, so erst im letzten Jahr die Slowakei ihren bedeutendsten, den Maler und Graphiker Jozef
Baláž (geb. 1923) zu seinem 80. Geburtstag.
Die Herstellungstechnik in Stahlstichtiefdruck brachte es natürlich auch mit sich, dass neben den
entwerfenden Künstlern den Stechern dieser Entwürfe eine mindestens genauso hohe, wenn nicht noch höhere Bedeutung zukam als den Entwerfern. Und dies drückte sich darin aus, dass die knapp 30 Stecher, die
bisher Briefmarken dieser Länder stachen, nicht nur unter Philatelisten gefeierte Stars waren u
nd sind. In
Deutschland undenkbar, hatten und haben eine Reihe dieser Stecher sogar richtige Fanclubs, besonders beispielsweise Jiří Antonín Švengsbír
(1921-1983), dem in diesem Jahr auch im Rahmen der „Tradice-Serie“ gedacht wird (siehe links). Regelmäßige Auto-grammstunden dieser Künstler, bei der sie die ebenfalls aufwendig gestochenen Ersttagsbriefe
signieren, sind eine Selbstverständlichkeit. Für uns in Deutschland interessant ist vor allem, dass als Begründer dieser so genannten „Tschechischen Stecherschule“ ausgerechnet ein Deutscher gilt, der 1889
im thüringischen Hildburghausen geborene Karl Friedrich Wilhelm Seizinger, in der Tschechoslowakei allen Sammlern unter dem Namen Karel Seizinger bekannt. Ihn hatte Švabinský nach der Gründung der Prager
Staatsdruckerei in die goldenen Stadt geholt und ließ ihn bis zum Jahre 1934 sämtliche Briefmarken des Landes stechen. Nicht überraschend, dass sein Stil alle nachfolgenden Stecher maßgeblich prägte. Unmittelbar vor
der Besetzung des Landes durch Hitler verließ Seizinger die Tschechoslowakei und kehrte nur noch einmal im Alter von 85 Jahren zurück. Nachdem er z.B. auch für Jugoslawien, Kroatien oder Portugal
Marken gestochen hatte, starb er 1978 in Haarlem (Niederlande). Ihm folgte eine ganze Generation von Spitzenstechern, zunächst v.a. drei, die uns Deutschen vor allem durch Marken des Protektorats „Böhmen und
Mähren“ bekannt sind: Bohumil Heinz (1894-1940), Jindra Schmidt (1897-1984) oder Jaroslav Goldschmied (1890-1977). Doch auch nach dem Krieg setzte sich die Reihe der großen Stecher fort. Neben dem bereits angesprochenen Jiří Švengsbír, soll als der international bekannteste nur Josef Herčík (1922-1999) genannt werden, der v.a. durch die meisterhafte Umsetzung von Picassos monu-mentalem Gemälde „Guernica“ auf das Kleinformat der Briefmarke hohe Anerkennung fand.
Angesprochen werden sollte noch, dass sich nach der Trennung der beiden Länder auch in der nun
unabhängigen Slowakei eine eigenständige Stecherschule herausgebildet hat, die in erster Linie mit dem Namen Martin Činovský (geb. 1953) verbunden ist. An der Universität der Hauptstadt Bratislava leitet er –
wohl einzigartig in der ganzen Welt – ein Spezialinstitut, das sich ausschließlich mit Briefmarkengraphik beschäftigt und in der Zwischenzeit eine Reihe junger aufstrebender Stecher hervorgebracht hat, wie
beispielsweise Arnold Feke (geb. 1975). Angesichts der hohen Wertschätzung der Briefmarkenkünstler wird es Sie nicht wundern, dass ein Schrei der Entrüstung durch das Land ging, als die slowakische Post im Jahre 2003
anlässlich des Papstbesuches einen Block in offset-Verfahren drucken ließ (und das auch noch in England!) und – um dem Ganzen die Krone auszusetzen – die dazugehörige Marke als selbstklebende verausgabte. Nicht
nur die Künstler selbst und die Philatelisten, auch viele „normale“ Bürger unterschrieben Petitionen zur „Rettung“ des bisherigen hohen künstlerischen Standards. Trotzdem darf man sich nichts vormachen:
ökonomische Zwänge und technischer Fortschritt werden wohl bald auch dieses „Biotop“ hochwertiger Briefmarkenkunst verschwinden lassen.
Aber nicht nur der Briefmarkenkunst, auch der Kunst auf Briefmarken wird in beiden Ländern hohe
Aufmerksamkeit gewidmet. Diese hohe Wertschätzung der bildenden Kunst drückt sich vor allem in einer Serie mit der Überschrift „Umění“ (Kunst) aus. Seit dem Jahre 1966 stellen die
Ausgaben dieser Reihe jeweils den Abschluss und Höhepunkt des Briefmarkenjahres dar. Und in ihrer Art ist
diese Serie auch international wohl einzigartig, sind die dort abgebildeten Gemälde doch nicht simple photographische Reproduktionen und Verkleinerung der Originale auf das Format einer Briefmarke, sondern im Grunde
eigenständige Kunstwerke und fast schon richtige Graphikdrucke.
Denn der Stecher dieser Marken hat die Aufgabe, das Original so zu gestalten und umzusetzen, dass die graphische Gesamtgestaltung dem Briefmarkenformat
optimal entspricht. So wird vom Stecher eine eigenständige graphische Aufbereitung und stecherische Interpretation des Originals geschaffen, das dann wie eine echte Graphik von einer flachen Platte aus gedruckt wird, jeweils in
einem Kleinbogen mit vier Marken und in der relativ geringen Auflage von wenigen 100 000 Stück. Im Rahmen dieser Serie erschienen in der Tschechoslowakei jedes Jahr im November fünf Kunstwerke, nach der Trennung beider Staaten seit 1993 im
allgemeinen in der Tschechischen Republik drei und der Slowakei zwei Gemälde. Wer sich näher dafür interessiert, welche Werke bisher veröffentlicht wurden, findet eine
vollständige Liste auf meiner Internetseite.Wenn es gewünscht wird, stelle ich die Liste auch gern Interessenten oder Ihrer Zeitschrift für eine der nächsten Ausgaben zur Verfügung.
Wie immer ging man bei der Konzipierung und Ausführung dieser Serie äußerst gründlich vor. Denn aufgrund der hohen Ansprüche, die man stellte, und die zunächst geringe Erfahrung, die man mit der angewandten
mehrfarbigen Drucktechnik besaß, führten die Verantwortlichen im Jahre 1965 quasi erst einen „Probelauf“ durch. Man beauftragte einen der renommiertesten Stecher, nämlich
Jiří Švengsbír, probeweise mit der Umsetzung eines der berühmtesten Gemälde der
Galerie auf der Prager Burg, Tizians „Toilette einer jungen Frau“ (siehe oben) – und der Probelauf wurde gleich zu Meisterwerk (MiNr. 1560), wie Sie selbst nachprüfen können, wenn Sie sich die
Originalbriefmarke einmal intensiv unter der Lupe anschauen. Beinahe 200 Kunstwerke sind inzwischen im Rahmen dieser Serie erschienen und es würde natürlich entschieden zu weit führen, auf alle Beispiel einzugehen. So soll zur Illustration
lediglich noch eine Ausgabe abgebildet werden, das expressives Gemälde eines der großen schechischen Maler des 20. Jahrhunderts, Josef Čapek (1887-1945), mit dem Titel „Oheň“ (Feuer), mit dem der Widerstandskämpfer Čapek (der 1945 im Konzentrationslagen Bergen-Belsen umkam) die Bedrohung durch den Hitlerfaschismus symbolisierte.
Besonders aber kamen die beiden bekanntesten Maler des Landes in dieser Serie zu Ehren, Mikoláš Aleš (1852-1913) und vor allem Josef Mánes (1820-1871), von dem es insgesamt 18 Briefmarken und 3 Blöcke mit seinen Werken gibt.
Neben der „Umění“-Serie erschienen im Laufe der Zeit es noch eine Fülle weiterer Serien und Einzelausgaben der tschechischen und slowakischen Post mit
Kunstausgaben. Am bekanntesten ist die unter dem Titel „Pražký Hrad“ (Prager Burg) laufende Serie, die von 1965-1990 alljährlich zwei Motive mit Kunstwerken aus den reichen Kunstschätzen des Prager Hradschin
zeigte. Und für den slowakischen Teil dieses Briefmarkengebietes sei noch die Serie zur „Biennale der Buchillustrationen“ in Bratislava angeführte, wo bis heute alle zwei Jahre Motive aus den preisgekrönten
Arbeiten dieser bekannten Ausstellung dargestellt werden. Nicht zuletzt aufgrund des starken Einbeziehens der Graphikervereinigung SČUG Hollar bei der Motivauswahl und Briefmarkengestaltung liegt ein besonderer
Schwerpunkt der auf Briefmarken abgebildeten Kunstwerke natürlich im Graphikbereich. So findet man beispielsweise neunmal Werke des großen böhmischen Graphikers, Václav Hollar (1607-1677), des
Namensgebers der Gesellschaft, unter den Ausgaben der Tschechoslowakei, ebenso wie eine ganze Reihe von Serien alter Kupferstiche mit Pferden, Schiffen, Kostümen, Musikinstrumenten usw., wobei erneut ein
deutscher Kupferstecher besondere Aufmerksamkeit erweckte, als man in der Zeit des Prager Frühlings von 1968 ausgerechnet einen Kupferstich aus einer Reitschule von Johann Elias Ridiger (1698-1767) als Motiv
einer Serie auswählte (MiNr. 1874).
Als Abschluss meiner Aufzählung soll nur noch der wohl absolute Höhepunkt von Kunst auf tschechoslowakischen Briefmarken angesprochen werden, eine meisterliche Umsetzung von Albrecht Dürers „Rosen-kranzfest“ durch den Stecher Miloš Ondráček (geb. 1936) auf einem Block aus dem Jahre 1989 (MiNr. Block 92). Da sich dieses Meisterwerk Dürers auf der Prager Burg befindet, waren Ausschnitte daraus noch zweimal Motiv einer Briefmarkenausgabe, im Jahre 1968 gestochen von Jiří Švengsbír (MiNr. 1805) und nochmals 1971 (MiNr. 2036) gestochen von Ladislav Jirka (1914-1986).
Habe ich Ihr Interesse geweckt?
Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Ausführungen den einen oder anderen von Ihnen dazu veranlassen würde, sich einmal die eine oder andere Briefmarke der Tschechoslowakei bzw. der Tschechischen Republik oder Slowakei vorzunehmen. Denn ich bin sicher, dass nicht nur die Kunstbriefmarken, sondern das gesamte Ausgabe-programm der Postverwaltungen beider Länder gerade Ihnen, den Sammlern, die sich Kunst und Kunstgeschichte zum Thema gemacht haben, große Freude bereiten werden.
Noch mehr würde ich mich freuen, wenn Sammlerfreunde mit einem Internetzugang auch mal einen Blick auf meine umfangreiche website werfen würden, wo die hier angerissenen Themen in noch weit ausführlicherer Form abgehandelt, dargestellt und natürlich auch illustriert sind. Hier die Adresse:
http://www.batz-hausen.de/stampart.htm
Der Autor ist Mitglied im BDPh und in der Arbeitsgemeinschaft Tschechoslowakei