Peter Paul Rubens
Justus Lipsius und seine Schüler

Rubens arbeitete nicht nur als Maler, sondern betätigte sich als Dilettant auf vielen Gebieten. Seinem älteren Bruder Philipp war er nicht nur in brüderlicher Liebe zugetan, sondern scheint mit ihm auch das Interesse für Philosophie geteilt zu haben, von dem das Bild des Sterbenden Seneca in der Alten Pinakothek in München zeugt. Zu den philologischen und archäologischen Aufsätzen des Bruders, die 1608 in Antwerpen unter dem Titel Electorum libri duo herauskamen, zeichnete er die Vorlagen für Abbildungen antiker Statuen.

Philipp Rubens studierte Philosophie und Jurisprudenz; 1603 erwarb er den Grad eines Doktors beider Rechte in Rom. Als Sekretär des Präsidenten im Geheimen Staatsrat der habsburgischen Niederlande, Richardot, bereitete er seine politische Laufbahn vor. 1609 wurde er zum Stadtsekretär von Antwerpen ernannt.
Er bekleidete damit eine Stelle von ähnlichem rang, wie sie 40 Jahre früher sein Vater innegehabt hatte.
1602 begleitete Philipp den Sohn Richardots auf einer Bildungsreise durch Italien. In Mantua trafen sich die beiden Brüder Rubens und fuhren gemeinsam durch verschiedene norditalienische Städte. In Verona stieß Jan Woverius, ein Freund und Kommilitone von Philipp, zu ihnen. Ihr Zusammentreffen ist durch einen Brief von Philipp Rubens aus Padua bezeugt und durch die Inschrift des bekannten Kupferstiches Judith und Holofernes (den Galle nach Rubens` Frühwerk gestochen hat). In diesem Titel erwähnt Rubens, dass er Woverius versprochen habe, als sie in Verona waren, ihm den ersten Stich, der von seinem Bild erscheinen würde, zu widmen.
Woverius und Philipp Rubens waren die Lieblingsschüler des Humanisten Justus Lipsius, der den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Löwen innehatte. Das Gruppenbild zeigt den ehrwürdigen Professor (mit einem breiten Pelzkragen) am Ende des Tisches, der mit einem kostbaren Orientteppich bedeckt ist. Er doziert aus einem gewichtigen Folianten für seine beiden Schüler, die ihm zur Seite sitzen; Philipp ist durch seine Amtsrobe und die Schreibfeder als Stadtsekretär von Antwerpen gekennzeichnet. Am linken Bildrand steht der Maler, der nur als Außenstehender an der philosophischen Sitzung teilnimmt. Hinter Lipsius erhebt sich eine antikische Schauwand mit einer Nische. In dieser Nische befindet sich eine Büste Senecas, des Begründers der Stoa, zu deren Anhängern auch der Löwener Philosoph zählte. Peter Paul Rubens hat später in der Antwort auf Beileidsschreiben zum Tod seiner Frau übrigens ausdrücklich festgestellt, dass er stoische Gelassenheit weder übe noch sie anstrebe.

Rubens stellt hier keine historische Beendung dar. Er malte das Bild vermutlich aus Anlass des jähen Todes seines Bruders am 28. August 1611. Justus Lipsius war bereits 1606 gestorben.
Die Campagnalandschaft erinnert an die glückliche Zeit, die die Brüder in ihrer gemeinsamen Wohnung in Rom verlebt hatten.

Quelle: Klassiker der Kunst - Rubens - Lizensausgabe von Schuler Verlagsgesellschaft mbH, Hersching, 1978,
Seiten 12 u. 13